Briefumschlag:
Lieber Papi, ich habe nur die Bitte, dass Du diesen Brief ganz liest, von Anfang bis Ende.
Falls Du meine Schrift nicht lesen kannst, schreibe ich es noch mal sauber, aber das mußt Du mir schon irgendwie mitteilen. 12.08.1992
Lieber Papi, warum ich Dir schreibe? Ganz einfach, weil Du nie Zeit hast zu zuhören, oder es vielleicht gar nicht willst. Etwas ganz wichtiges vorneweg, ich will Dir nichts, will Dich nicht kritisieren, dafür habe ich Dich viel zu lieb. Ich möchte nur, daß Du einige weißt, mich vielleicht ein wenig besser verstehst. Ich weiß nicht, ob wir je ein gutes oder schlechtes Verhältnis hatten, früher, als ich noch zu Hause war. Du warst ja fast nie zu Hause, hast gearbeitet, eben Geld verdient. Ich denke noch oft an die Zeit als ich klein war und wir zusammen im Wald waren. Du hast mir erklärt wie die Bäume heißen. Als die Kinder vor kurzer Zeit mit den Pfeifchen ankamen, dachte ich daran, daß Du mir das auch mal beigebracht hast, solche Pfeifchen aus Ebereschenholz zu schnitzen. Aber das ist alles so lange her. Ich habe oft das Gefühl gehabt, im Schatten von M... (meine Schwester) zu stehen, sie machte immer alles richtig, und ich fast alles falsch. Ich glaube, ich wurde geboren als Ihr, Mami und Du, eigentlich gar kein zweites Kind gebrauchen konntet, weil ihr eh zu wenig Geld hattet! Aber das spielt ja jetzt auch keine Rolle mehr. R... hat mich nie geschlagen, nicht mich, aber die Kinder. Mich hat er versucht, an jenem Sonntag morgen, in der Badewanne unter Wasser zu drücken. Ich war solange unter Wasser bis mir schwarz vor Augen wurde. Anschließend stand er vor mir, mit einem Elektrokabel, Stecker dran und am anderen Ende, blankes Kabel. Ich dachte, er wolle das Ding zu mir in die Wanne schmeißen, bin in Panik raus aus der Wanne und er rannte ins Schlafzimmer und brüllte, er bringe sich jetzt um mit dem Kabel, schloß sich ein. Ich habe alle Sicherungen rausgedreht, als er nach Stunden wieder raus kam, meinte er, ich würde die Wohnung ab jetzt gar nicht mehr verlassen, nie mehr Geld bekommen. Er nahm mir Scheckkarte und Papiere ab. Als er dann mal kurz auf der Terrasse war, bin ich mit den Kindern abgehauen. Ich weiß, ich bin bei Gott kein Engel, aber ich habe immer versucht, eine gute Mutter und Ehefrau zu sein. Woher sollte ich denn wissen, ob er dasselbe nicht noch einmal versucht. Ich habe mich an den H... geklammert, hatte ja keinen anderen. Was das für ein großer Fehler war, sah ich erst viel zu spät. Und dann ging ich ein Stück durch die Hölle, geriert an Alkohol, Drogen, Tabletten. Versuchte ihn los zu werden, er trat mir die Türe ein, als ich ihn raus schmiss. Er verprügelte mich, zerschlug meine Möbel. Ich kann Dir nicht erklären, warum ich trotzdem immer wieder zu ihm hielt, wahrscheinlich die Scheiß Drogen und die Angst alleine zu sein. Meine Chance kam, als er ins Gefängnis kam. Ich löste mich von Alkohol, Drogen, Tabbies und stellte fest, dass ich alleine auch zurecht kam, sogar viel besser. Ich wollte nie mehr einen Mann bei mir haben, schwor mir für immer alleine zu bleiben. Bitte glaube mir, dass ich Dich niemals verletzen wollte. Eigentlich wünschte ich mir immer, dass Du stolz auf mich bist. Aber ich glaube das werde ich niemals schaffen. Mittlerweile ist es mir auch irgendwie egal. Ich lebe mein Leben, ich habe mich in den letzten 2 Jahren, oder länger mit keinem mehr gestritten. Es schafft keiner mehr, mich dazu zu animieren. Ich habe einfach keine Lust, oder keine Kraft mehr, mich provozieren zu lassen. Ich frage mich manchmal, was Du eigentlich von mir weißt, kennst Du mich eigentlich, oder sind wir schon verfremdet? Ich weiß nur, dass ich Dich verdammt lieb habe, und niemals irgend etwas auf Dich kommen lassen würde. Ich glaube, Du ahnst nicht einmal, wieviel ich geheult habe, als Du den Kontakt abgebrochen hast. Mutti sagte immer, Du würdest Dich furchtbar aufregen, wenn jemand über mich spricht, es wäre eben besser, wenn ich nicht mehr käme. Was sollte ich denn anderes tun, als einfach zu warten, zu warten und zu warten. Ich habe viel über uns nachgedacht. Ich hätte mich ja gerne entschuldigt, aber wofür? Ich glaube, dass ich für die Fehler die ich gemacht habe, genug gebüßt habe. Aber es tut mir furchtbar leid, dass ich Euch immer so viel Ärger bereitet habe. Ihr habt mich verstoßen, dann durfte ich plötzlich wieder kommen, wir haben nie geredet darüber. Ich wollte meinen Kindern nie Opa oder Oma verbieten, die können ja nichts dafür. Aber irgendwie gehöre ich nicht mehr dazu, fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen. Ich glaube, ich werde nicht mehr kommen, oder nur noch ganz selten. Ihr ärgert Euch ja doch nur über mich, und das will ich nicht mehr. Dafür habe ich Dich zu lieb, als daß Du Dich ständig über mich aufregen musst. Ich erwarte auch keine Antwort von Dir auf diesen Brief. Reden konntest Du noch nie viel mit mir, und schreiben? Nun gut, vergessen wir das einfach mit der Antwort. Eines noch zum Schluß, die Sache vorgestern, mit den Hunden, Du weißt schon. Ich hatte die Hunde vielleicht dreimal mit bei Euch. Du hast nie etwas gesagt, dass Dir das nicht Recht ist, Mutti auch nicht. Ich hätte die beiden doch gar nicht mitgebracht, wenn ich das gewusst hätte. Musstest Du da so rum keifen, ich hätte die Hunde doch sofort ins Auto gebracht. Ist ja auch egal, ich weiß es ja jetzt. Lieber Papi, ich will jetzt schließen, obwohl es da noch so viel gibt. Aber leider ist reden ja nicht gerade Deine Stärke, und zuhören glaub ich auch nicht. Ich hab Dich trotzdem unendlich lieb, und wäre bereit, fast alles für Dich zu opfern um Dir in Not zu helfen. Bitte lies diesen Brief noch einmal, ich glaube er ist einfach zu lang um alles auf einmal zu kapieren. Es muß ja nicht gerade jetzt sein. In Liebe Deine K.....